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Bunte Magazine
December 1, 2005
Auferstanden aus dem Hurrican
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Wer sich im "Setai"-Tower, der augenblicklich aufregendsten Adresse von Miami South Beach, einen Cappuccino auf seine Suite bestellt, bekommt eine Tasse Espresso und dazu ein Extragef?? voller Schaum. Ein unver-gessliches Bild: wie der Kellner im 34. Stock - unter uns der blau dunstige Ozean, ein heller Streifen Strand und, spielzeugklein, das wei?e H?usermeer - behutsam die steif geschlagene Milch auf den cremigen Espresso t?rmt, L?ffel f?r L?ffel, bis sich ein Schaumgebirge ?ber der Tasse erhebt. Denn nichts anderes ist Miami und seine gro?e Kunstmesse, die Art Basel Miami Beach, in diesen Tagen: ein perfekt in Szene gesetztes, fabelhaft aufgesch?umtes Ereignis - bis an die Grenze zur ?bertreibung.
Miami macht Staunen. Einst Hauptstadt des Sonnen?ls. Paradies der Rentner. Dann: Zentrum von Architektur und Design. Und nun schon zum vierten Mal, bis 4. Dezember, Treffpunkt der einflussreichsten Museumskuratoren, Galeristen und Journalisten, Abenteuerspielplatz f?r Sammler. In nur drei Jahren hat sich der Ableger der Schweizer Messe zum wichtigsten Kunstevent Amerikas entwickelt, nach Basel zweitwichtigster Markt der Welt. Aber noch viel unglaublicher: Miami lebt und liebt die Art Basel. "Die ganze Stadt ist davon erfasst", sagt Thaddaeus Ropac, einer der gro?en Galeristen Europas, "das passt schon jetzt zusammen wie Salzburg und Festspiele."
Miami wandelt sich. Erfindet sich immer neu, st?ndig in Bewegung. Eine Welle l?st die andere ab, wie im allgegenw?rtigen Ozean. Eine Beobachtung, die 2004 richtig war, kann dieses Jahr falsch sein. Gerade hat sich die "S?ddeutsche" von der"Casa Casuarina", einst Ver-saces Prunkvilla, mit einer eleganten Verbeugung verabschiedet: Die Zeit grellen Protzens und falschen Goldes am Ocean Drive sei nun vorbei. Der Pulk der Reichen und Sch?nen vorbeigezogen. Doch wer in diesen Tagen die schwarz gekleideten Wachm?nner mit den ausgebeulten Hosentaschen am Eingang der Villa passiert, kann gar nicht ?bersehen: Das Partyvolk ist wieder drin!
Von Nahem wirkt der maurisch-venezianische Palast, als h?tten Ludwig II. und Richard Wagner, Neuschwansteins Hanglage ?berdr?ssig, einen Feriensitz in South Beach geplant. Aber noch immer ist die Versace-Villa, auf deren Treppe der Designer 1997 ermordet wurde, eines der beliebtesten Fotoobjekte Amerikas. Manche halten ihre Kamera durchs schmiedeeiserne Tor. Denn die Villa ist heute ein Privatklub, hermetisch abgeschirmt. Und doch kann man neuerdings in Versaces Albtraum-Burg wohnen. Ich hab's ausprobiert, ohne Schaden zu nehmen, dar?ber sp?ter mehr.
Es gibt einen weiteren Grund, warum es den glitzernden Pulk der Genie?er von der Collins Avenue mit Adressen wie "Delano" oder "Shore-club" mehr zum Ocean Drive zieht. Direkt neben der "Villa Casuarina" hat im Fr?hjahr das "Victor" er?ffnet, das erste Haus in den USA, das der Franzose Jacques Garcia, ein Meister des edlen Pomps, ausgestattet hat. "Can the .Victor' bring the heat back to Ocean Drive?", fragte die "New York Times" zur Er?ffnung, und es sieht danach aus. Garcia, er stylte schon das Pariser Kulthotel "Costes", hat im "Victor" versucht, Art d6co neu zu interpretieren. Und Garcias subtiler Pl?sch, seine Form- und Farbfantasien, passen weit besser zur 30er-Jahre-Architektur Miamis als die mi-nimalistischen Einrichtungsexzesse der 90er-Jahre. Jeden Donnerstag ist Party, bei ohrenbet?ubendem Disko-Stampfen bebt die Terrasse um den (kleinen) Pool, so viele junge, sch?ne, gebr?unte Paare tanzen. Feiern unter Sternen. Das tun sie in South Beach, als habe es nie Sturm, Regen, Stromausfall und Ausgangssperre gegeben.
Denn nun leuchten die Bonbonfarben wieder. Die Sonne ist zur?ck, der Strand geharkt. Die Kunstmeute darf einfallen mit Jets, Hubschraubern und Limousinen. Die passenden Sponsoren: Net Jet, UBS, BMW. Die Kunst des Sehens und Gesehenwerdens wird zelebriert. Partys, Cocktails, Dinners, Talks. Die "Pool Bar" des "Delano" und die "Sky Bar" des "Shoreclub" hei?en nun "Art Bars". G?rten der Eitelkeiten, in denen VIPs und Special-VIPs, spezielle und noch speziellere G?ste, nach dem Kunstshopping entspannen. Nachts flackern Kerzen, sind die Pools in bl?uliches licht getaucht. Aber der Zauber tr?gt nur in der Nacht. Auf diesen B?hnen, mit wehenden wei?en Vorh?ngen, Riesenlampen und ?bergro?en Pflanzent?pfen, wurden schon zu viele St?cke gespielt. Ich habe "Delano" und "Shoreclub" besucht und war fast erschrocken, wie schnell Designhotels altem. Ihre Manierismen am?sieren nicht mehr. Das Thema scheint ausgereizt.
Das neue Eldorado hei?t "Setai". Eine asia tisch eingef?rbte Luxusoase am Strand. Auf den ersten Blick eine fast unl?sbare Situation: hoher Glasturm mit 40 Stockwerken, dahinter ein Hotel aus der Art-deco-Zeit, ehemals"Dempsey Vanderbilt". Spekulationsobjekt, das leer stand, denkmalgesch?tztes Geb?ude, das renovierungsbed?rftig war - wie soll das zu sammengehen? Aber Adrian Zecha, der Zau berer, dem wir die "Aman"-Hotels verdanken, hat mit Hilfe seines Architekten Jean-Michel Gathy zwischen beiden H?usern ein magi sches Ambiente geschaffen. Eine Welt aus Was ser, Arkaden, Palmen und Pools. Asiatische Traumwelt in South Beach. Ein Mittagessen im Strandklub des "Setai", ein Drink im golden be leuchteten Patio des alten Hotels geh?ren zu den sch?nsten Erinnerungen.
Die Auswahl an Hotels und Restaurants ist ein gro?es Plus f?r die neue Kunstmetropole Miami. Am wichtigsten f?r den Erfolg aber sind die Menschen, Miamis gro?e Sammler. Norman und Irma Braman, Don und Mera Rubelt, Rosa und Carlos de la Cruz, Craig Robins - und jeder von ihnen w?re eine eigene Geschichte wert. Sie haben die Messe gepr?gt, ihre Visionen, ihre Ernsthaftigkeit, ihre Gastfreundschaft und Offenheit, mit der sie Besuchern die privaten Sammlungen pr?sentieren - in H?usern, die in Wahrheit Privatmuseen sind. Wei?e Villen am Wasser, mit klaren Linien und gro-?en Fenstern, in denen die Bewohner mit Picassos im Schlafzimmer aufwachen und Warhols selbst noch die Ankleidezimmer schm?cken - und im Park schwingen Riesenmobiles von Alexander Calder.
Noch stehen bei Rosa de la Cruz, Exil-Kubanerin in Key Biscane, Kisten herum und doch findet sie Zeit, ihren Blick auf die deutsche Kunst, ihre N?he zu Polke, Kippenberger, Skreber, Im-mendorff und Meese zu erl?utern. Rosa inspiriert, vermittelt, regt an, kauft ein, leiht aus, eine wahre Muse. Hunderte von G?sten wird sie empfangen. Gekocht wird bereits in einem Nebenhaus. Braman, einer der gro?en Sammler Amenkas,Auto-MoguJ und Ex-Philadelphia Eagles, ist zur?ckhaltender. Seitein Gast eine seiner Liebiingssknlpturen von Miro mit Rotwein ?bergoss, l?dt er zu Partys nur noch auf seine (u. a. mit Man Ray ausgestartete] Mu-torjacht. Zum Dinner darf dieses Jahr nur David Rockefeller kommen, Werke von Mark Rothko und Gerhard Richter bewundern oder Jasper Johns" "Diver" (1988 f?r 4.18Mio.) Dollar gekauft, von heute besehen: ein Schn?ppchen!). "Ich kaufe sofort", sagt Norman, "und immer beste Qualit?t. Zur Not st am Telefon." Und immer wieder: deutsche Kunst. Braman hat f?r Ansclm Kiefer einen gro?en ernsten Raum eingerichtet, abgeschlossen, wohl damit man die Palmen und Jachten auf dem hell glitzernden Wasser dahinter nicht sieht
?ber 200 Galerien im Convention Center, dazu .Art Loves Design"-Party, "Art Loves Fashion"-Party, "Hugo Boss Prize"-Party. ,JWNB-xus" -Party. Wie h?lt man das i "Das Partygehabe nimmt ?ber-hand", sagt Ropac. "es darf nicht alles ?berlagern." ich hatte zun?chst eine Tra> Suite im gl?sernen Turm der "Se-tai Residences" [w?hrend der Messe 3000 Dollar/Nacht) und | bin damit entschieden u
dem Preis gelegen, den Pops?ngerin Beyonce Knowles f?r ihr Pent-house f?nf Stockwerke dar?ber zahlte (20000 Dollar/Nacht]. Da guckt man dann schon genauer hin und sieht, dass die begehbaren Schranke vie klein sind, die Sisaltep- | piche im Flur schlecht verlegt. Auch in d' Champagner-Welt wird mit Wasser gekocht.
Dann bin ich in die "Casa Casuarina" gea gen. Statt Versaces schweren Antiquit?ten dominiert dort jetzt Las-Vegas-Barock. Und dazu die alte Medusen-Pracht! Was Versace-Freundinnen wie Madonna bis heute nicht zu schrecken scheint - sie bewohnt regelm??ig die nach ihr benannte "Madonna"-Suite. Reto Gaudenzi, ei probier Hotelier und Schweizer Polo- Haudegen, f?hrt den Klub [ab 2006 auch ein "LeadingSmall Hotel") mit Grandezza. Gon sei Dank war Versaces Schlafzimmer, heute die "Egyptian Suile", belegt. So schlief ich im fast vier Meter breiten und langen Bert der "Safari-Suite" unter blut Decke und stolperte nachts- ich wusste, dass das I Vieh da lag, aber kennen Sie den Silvesterfilm "Dinner forone"?- mit nackten F??en ?ber den Kopf einer ausgestopften L?win. Das Fr?hst?ck wurde morgens von einem Butler namens Niklas auf Versace-Porze?an serviert. Und wo ist das Gym? "Das habe ich ausger?umt", sagte Gau- i denzi. "Die Leute sind hier, um zu s?ndigen."